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Bosporusschwimmen 2012

Donnerstag, 19. Juli 2012

Verschwommen

24. Bosphorus Cross-Continental/Boğaziçi Yüzme Yarışları – Schwimmen von Kontinent zu Kontinent: 2 Kıta 1 Yarış
Bosporusschwimmen 2012
[22. Juli 2012: Der Bericht ist fertig!]

Das Jedermannschwimmen im Bosporus ist ein großartiges Ereignis – auch wenn ich diesmal leider nicht ans Ziel kam. In Erinnerung behalten werde ich die menschlichen Begegnungen, die das diesjährige Schwimmen aus meiner Sicht prägten und die es wunderschön machten. Denn dieses Jahr kannte ich immerhin vier der rund 1200 Schwimmerinnen und Schwimmer aus 40 Ländern: Mit zwei Freundinnen reiste ich an, Sohn 2 schwamm tatsächlich mit, eine neue Freundin durfte ich treffen.
Heike Jurzik, schnelle und versierte Schwimmerin und eine der beiden lieben Kolleginnen und Freundinnen, bloggt auf der Website ihres Sportvereins über das Bosporusschwimmen: Abenteuer Istanbul – 6,5 km durch den Bosporus schwimmen [ed. 2014: Der Beitrag ist leider nicht mehr online].

Weil es inzwischen so viele Interessierte gibt, die nach unseren begeisterten Schilderungen überlegen, ob sie auch einmal mitschwimmen wollen, informiere ich zunächst allgemein über die Strecke, bevor ich etwas über meine Erfahrungen beim diesjährigen Schwimmen berichte.

Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus der Seekarte 2901_13 des Seyir Hidrografi ve Oşinografi Dairesi Başkanlığı:
Bosporus
Der Kartenausschnitt bildet den letzten Teil der Schwimmstrecke ab. Die dicke rosa Linie markiert die Schifffahrtstrennlinie (große Schiffe fahren rechts der gedachten Linie Richtung Norden/Schwarzes Meer, links davon Richtung Süden/Marmarameer, das zeigen die rosa Pfeile an). Sie symbolisiert aber gleichzeitig wunderbar das „Förderband“, auf dem man in diesem Bosporusabschnitt schwimmt: Der Strom setzt hier mit gewaltigen 4 Knoten (ca. 7 Stundenkilometer, siehe kleine schwarze Pfeile rechts und links der rosa Linie, die anderen Zahlen sind Tiefenmeter) Richtung Süden. Man kann gar nicht anders, als automatisch schnell mit dem Strom zu schwimmen. Die Kunst ist es, an der richtigen Stelle vom „Förderband“ wegzukommen: Ab einem Punkt zwischen Galata-Insel (das gelbe Viereck im weißen Wasserbereich links oben im Bild) und Militärakademie (das Viereck im gelben Landbereich rechts oben im Bild) muss man in einem fast rechten Winkel aufs Land zuhalten, um das Ziel zu erreichen. Dann gibt es allerdings noch die Gegenströmung in Ufernähe, die einen mit bis zu 2 Knoten (ca. 3,7 Stundenkilometer) wieder zurück in Richtung Norden transportieren will ... Dennoch: Man muss wirklich kein Leistungssportler sein, um diese Strecke zu bewältigen. Als Gelegenheitsschwimmerin, wie ich eine bin, sollte man sich aber physisch und mental zutrauen, fast eineinhalb Stunden in einem offenen Gewässer zu schwimmen.
Ein kurzes deutschsprachiges Video der Nachrichtenagentur dapd zum Bosporusschwimmen 2012 stellt das interkontinentale Schwimmen vor: Schwimmen zu einem anderen Kontinent.

Und nun geht es – nach der Streckenbesichtigung am Vortag – am Sonntagmorgen endlich los.
zum Start 1
Einiges ist dieses Jahr anders und besser organisiert als im Vorjahr. Die Taschen mit allem, was man zum Schwimmen nicht braucht, kann man mit der Startnummer versehen an einem Aufbewahrungspunkt zurücklassen. Da ist zunächst nichts als ein wilder Haufen, aber während des Schwimmens wird nach Nummern sortiert. Mein Problem ist allerdings nicht, dass ich etwas aufbewahren lassen will. Im Gegenteil: Sehnsüchtig warte ich auf die in der Wohnung vergessene Schwimmbrille, die der beste aller Ehemänner mir gerade noch rechtzeitig hinterherträgt – nachdem ich morgens zu spät aufgestanden bin, weil ich auf die deutsche Uhrzeit geschaut habe. Erste Vorboten meines Verschwimmens.
zum Start 2
Sohn 2 muss sehr schnell aufs Boot mit den Gelbkappen eilen, Rot- und Orangekappen warten länger auf die Abfahrt ihrer Schiffe, die alle Schwimmer zum Start bringen. Die Fahrt zum Start zählt zu meinen schönsten Erinnerungen: > die Freude übers Dabeisein, die jede Anspannung überlagert, > die Gespräche mit Judith, > die Delfine, die wir vom Schiff aus sehen, als die erste Gruppe startet, und die sich mit den Schwimmern zu freuen scheinen, > die Unterhaltung noch auf dem Schiff mit dem reizenden türkischen Ehepaar (Mitte 60 ist sie, Anfang 70 er, nur 3 Teilnehmer sind älter), das bereits zum fünften Mal dabei ist und dessen Kinder ebenfalls mitschwimmen, > und, schon auf der Startplattform, der Händedruck mit Startnummer 1, mit „Yüzman“ (yüzmek = schwimmen), dem Sieger des ersten Wettbewerbs im Jahr 1989.
Und dann geht es endlich ins Wasser. Leider muss ich mich in letzter Minute von meinem geliebten Kopfsprung verabschieden: Da wir diesmal im Boot warten und im Pulk auf die Startplattform geschickt werden, ist das Gedränge zu groß dafür. Ich möchte niemandem auf den Rücken springen und zögere, aber alles geht gut, Brille und Kappe sitzen an den richtigen Stellen. Aber etwas anderes stimmt ganz und gar nicht: Das Wasser ist frisch, nicht warm wie im Vorjahr, später wechseln sich wärmere und kühlere Strömungen ab. Außerdem ist das Wasser viel bewegter und unruhiger, Wellen schwappen von Beginn an immer wieder ins Gesicht.
Grafik
Sohn 2, aus dem Prüfungsstress angereist und ohne nennenswertes Schwimmtraining, ist längst am Ziel und mit 1:08 guter 15. seiner Altersklasse. Auch Judith und Daniela sind prima Zeiten um 1:20 geschwommen.  Meine Männer warten vergeblich darauf, dass mein Name auf der Ergebnistafel erscheint. Immerhin wird eine Deutsche Erste in meiner Altersgruppe – in einer Zeit, die jenseits meiner Möglichkeiten liegt.
Ziel, Rückseite
Während meine Männer warten, sehe ich das Ziel von der Rückseite. Ich bin übers Ziel hinausgeschwommen, habe den richtigen Abzweig vom „Förderband“ verpasst. Einen Moment bin ich versucht, mich einfach weitertreiben zu lassen. Aber dann probiere ich das Zurückschwimmen doch und irgendwann kommt der Zielbereich sogar wieder näher. Und dann begehe ich meine allergrößte Dummheit des Tages: Statt so wie Daniela und andere, denen es ähnlich ging, direkt bei der Zielplattform „einfach“ um die Ecke zu biegen, schwimme ich in der Gegenströmung und noch ziemlich weit vom Ufer entfernt viel zu weit zurück. Als dann irgendwann ein Boot direkt auf mich zuhält, sehe ich mein Ende gekommen. Wasser, Wind und Wellen schrecken mich nicht. Aber von meinen überdimensionierten Ausweichmanövern beim Segeln angesichts großer Schiffe weiß der Herzallerliebste seufzende Lieder zu singen. Natürlich stoppt das Boot rechtzeitig und mir dämmert, dass es mir nur signalisiert, ich solle endlich mal Richtung Ufer schwimmen.
Dummerweise gelange ich so auf die Zielgerade, die man beim Bosporusschwimmen lieber meiden sollte. Dort kommt man nämlich nur zentimeterweise voran, wie dieses Video zeigt:

Ich schwimme und schwimme also und komme dennoch kaum vom Fleck. Und merke, dass ich inzwischen ziemlich viel Wasser geschluckt habe: Den sich immer deutlicher meldenden Brechreiz kenne ich nur zu gut von meinen ersten Kraulversuchen im Schwimmbad, er ist das Ergebnis von falschem Atmen und Wasserschlucken. Und müde werde ich auch. Neben mir lässt sich jemand aus dem Wasser ziehen. Das Ziel ist so nah. Einerseits.
Bis zu dem erhöhten Zelt, auf dem wir am Vortag noch standen und das auf dem übernächsten Bild zu sehen ist, halte ich durch. Dann hebe auch ich als Zeichen der Aufgabe meinen Arm, etwa 30 Meter vor dem Ziel. Als ich aufgefischt werde, Sohn 1 hält es mit der Kamera fest, bin ich schon einige Meter zurückgetrieben. Wenig später hänge ich mit dem Kopf außenbords und gebe dem Bosporus das unfreiwillig geschluckte Wasser wieder zurück.

fast am Ziel
Alles nur eine Frage der Perspektive: Das erhöhte Zelt gehört aus diesem Blickwinkel zum Zielbereich. Die Besuche später am Tag bei den Verwandten helfen endgültig, alles zurechtzurücken. Das Schwimmen ist schön, aber nicht der Nabel der Welt.

Wir waren dabei!
Die Freude siegt: Wir fünf waren dabei! Glückwunsch und Dank euch allen. Drei aus unserer Gruppe gehören zu den 1028 Schwimmerinnen und Schwimmern, die das Ziel schwimmend erreichten. Sohn 1 und Sohn 3 wollen das nächste Mal auch endlich mitschwimmen.

Mein Irrkurs:
mein Irrkurs

Hier geht es zu meinem Bericht vom Schwimmen im Vorjahr: Bosporusschwimmen 2011



Kommentare: (per RSS abonnieren)


Hut ab, ich wäre vermutlich in der Zwischenzeit abgesoffen, spätestens, wenn ich das Boot auf mich zukommen gesehen hätte.
Ihr habt da alle etwas Tolles geleistet! Und deshalb gehe ich morgen mal wieder Schwimmen, so!
:-)

Liebe Grüße
Petra

Petra  am  17. August 2012



Danke, aber das mit der Wahnsinnsleistung gebe ich gerne zurück. Toi, toi, toi für den Spinning-Marathon! :-)

Ines  am  25. Juli 2012



Wahnsinnsleistung, liebe Ines! Und schön geschrieben – so richtig zum Mitfühlen. Für mich seid ihr alle Gewinner.

Doreen Köstler  am  24. Juli 2012



Danke für den tollen Bericht! Auch wenn ich nicht finde, dass eine von uns dumm ist, spricht mir alles aus der Seele. Danke auch für die Karte, jetzt sehe ich noch viel deutlicher, wo das Problem lag (oder zog oder sog oder so). ;)

Heike Jurzik  am  23. Juli 2012



Hab’ meine Meinung nicht geändert!
Danke für den ausführlichen Bericht mit den Fotos und Videos! Alles ist sehr anschaulich. Und der Landstrich ist so schön! Noch einmal Glückwünsche an Dich und Yunus!
Die beiden Videos, auf denen Schwimmer nahezu auf der Stelle schwimmen, sind schon ein bißchen schauerlich. Hat mich ans Schwimmen im Meer erinnert, wenn man weit draußen ist und der Wind plötzlich umspringt. Wie wär’s, nächstes Jahr ein Boot zu mieten und Dir an der richtigen Stelle zu signalisieren, daß Du nun die Richtung ändern und zum Ziel schwimmen mußt?

Tabea  am  22. Juli 2012



Du wirst die Meinung schon noch ändern, wenn der ganze Bericht online ist. ;-)

Ines  am  20. Juli 2012



Da muß ich heftigst protestieren: Du bist nicht dumm!Und ich kenne Dich lang und gut genug!!

Tabea  am  19. Juli 2012



Gegen Dummheit ist kein Kraut gewachsen – gegen _meine_ Dummheit wohlgemerkt. Ich war schon seit dem Aufstehen so verpeilt, dass es eigentlich ein Wunder ist, dass ich überhaupt so weit gekommen bin. Und die Verpeiltheit ist angesichts der besonderen familiären Umstände an diesem Wochenende vielleicht verzeihlich.
Auf jeden Fall lag meine Orientierungslosigkeit nicht an meiner Kurzsichtigkeit. Wellen und Strömung waren stärker als im Vorjahr. Noch ist der Eintrag nur im Rohzustand, ich werde mehr berichten, bitte Geduld!

Ines  am  19. Juli 2012



‘ne Anmerkung kann ich mir nicht verkneifen: Ja, Niederlagen gehören im Sport wie in vielen anderen Disziplinen “des Lebens” dazu. Hier aber haben schlicht die Organisatoren versagt, die ja wissen müssen, daß man sich im Bosporus nicht gut orientieren kann (s. Bericht von 2011)und die Dir wie im vorigen Jahr eine Richtungsänderung hätten signalisieren müssen. Und daß sie das nicht gemacht haben, finde ich einfach sehr ärgerlich.

Tabea  am  19. Juli 2012




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