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Bosporusschwimmen 2011

Donnerstag, 21. Juli 2011

23. Bosphorus Cross-Continental/Boğaziçi Yüzme Yarışları

Streckenbesichtigung

Zunächst ist es nichts als eine Schnaps-, nein, eine Teeidee, die ein Cousin nach dem Istanbul-Marathon in die Runde wirft: “Warum nehmt ihr eigentlich nicht am Bosporusschwimmen von Asien nach Europa teil?”

Ja, warum eigentlich nicht? Dann nach der ersten Recherche der erste Schreck: Man schwimmt nicht etwa an der schmalsten Stelle von Ufer zu Ufer, sondern über eine Distanz von 6,5 km, ungefähr von der zweiten zur ersten Bosporusbrücke. Nur etwas für Profis also? Das kann doch nicht sein bei einem Jedermannschwimmen. Das Internet erweist sich als erstaunlich wenig ergiebig, was Erfahrungsberichte betrifft. Eine dankenswerte Ausnahme ist der ausführliche Bericht von Prisca Fahrni, die 2005 beim Schwimmen von Kontinent zu Kontinent erfolgreich war.
Der sportliche Ehrgeiz hat mich gepackt. Dabei sein ist alles, die Strecke müsste doch zu schaffen sein!

“Typisch deutsch”, meint der Ehemann vom Bosporus, als ich im Winter beginne, mich auf das interkontinentale Schwimmen vorzubereiten. Der Rest der Familie beschließt im Übrigen, sich dezent zurückzuhalten und das Schwimmen mir zu überlassen.
Zunächst muss ich überhaupt erst einmal kraulen lernen. Möglichst einmal pro Woche geht es im Winter ins Schwimmbad.
Im März bin ich immer noch kein Kraulgenie, aber optimistisch.
Sorge bereiten mir meine kurzsichtigen Augen. Im Schwimmbad finde ich mühelos an den Beckenrand, aber wie soll das im Bosporus werden? Im April besorge ich eine Schwimmbrille mit optischen Gläsern.
Ende Mai quetsche ich mich in Neopren und gehe im nächsten See schwimmen.
Im Juni versinke ich in Arbeit und komme kaum zum Schwimmen.
Anfang Juli werde ich nervöser und nervöser. Ob ich doch lieber einen Rückzieher machen soll, obwohl die Anmeldung bestätigt ist und die Flugtickets reserviert sind?

Istanbul, Samstag, 16. Juli 2011
am Vortag
Am Vortag des Schwimmens nehme ich die Kappe mit der Startnummer in Empfang. Eine Sporttasche mit T-Shirt, Lokum und Wettkampfinfos gibt es als Zugabe.
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Gleich folgt die Streckenbesichtigung per Schiff. Der Bosporus ist deutlich größer als der mittelhessische Trainingssee. Soll ich da wirklich schwimmen?
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Blick zurück vom Schiff auf den Zielbereich in Kuruçeşme am europäischen Ufer. Auf dem Rückweg nach Hause stürze ich, weil ich eine Stufe übersehe. Aber ich habe nicht einmal eine Schramme und damit auch keine Ausrede für einen Rückzug vom Start in letzter Minute.

Istanbul, Sonntag, 17. Juli 2011
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Noch auf dem Trockenen am Startmorgen und ziemlich nervös.
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Warten im Zielbereich auf den Transport zum Start.
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Endlich geht es auf die Schiffe, die uns zum Start bringen. Fast 1200 Teilnehmer stehen auf der Startliste, rund ein Viertel von ihnen ist weiblich. Nur etwa 10 Teilnehmer kommen aus Deutschland. Laut Infoheft darf man seine Tasche mit aufs Schiff nehmen, aber dann muss plötzlich doch alles schon im Zielbereich zurückgelassen werden, was nicht zum Schwimmen gebraucht wird. Etwas klarere Ansagen hätte ich mir gewünscht.
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Die Starter sind in drei Gruppen eingeteilt: Gruppe 1 sind die jüngsten Schwimmer, sie haben orangefarbene Kappen. Gruppe 2 umfasst die 30- bis 40-jährigen Rotkappen, ich gehöre zu den gelbbekappten Älteren der Gruppe 3.
am Start
In Kanlıca auf der asiatischen Seite angekommen, wird unsere Gruppe hinter die Gebäude geschickt, weil nicht alle Schwimmer im Startbereich Platz haben. Das hat zur Folge, dass ich den offiziellen Start verpasse. Lautsprecheransagen gibt es zwar, aber im aufgeregten Geschnatter der Wartenden ist der Geräuschpegel so hoch, dass ich kein Wort verstehe. Schlimmer ist, dass es inzwischen ziemlich heiß ist. Eine Dusche zur Einstimmung auf das Wasser könnte nicht schaden, aber die gibt es nicht.
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Von der ersten Startgruppe, die mein Haus- und Hoffotograf hier im Bild festgehalten hat, bekomme ich nichts zu sehen. Als ich endlich auf die Startplattform komme, haben sich die Reihen längst gelichtet. Nach einem Moment des verblüfften Zögerns springe auch ich ins Wasser – mit einem Kopfsprung, wie ich es mir vorher überlegt habe. Im Wasser der erste Schreck: Die Schwimmbrille ist weg! Zum Glück ist sie durch den Sprung nur auf den Hals gerutscht und nicht völlig verschwunden. Die erfreuliche Überraschung: Das Wasser ist sehr angenehm, wärmer als in meinem See und viel blauer!
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Der Bosporus ist während des Schwimmens für große Schiffe gesperrt, für kleine gilt das nicht. Diese drängen sich im Startbereich, ähnlich ergeht es zunächst auch den Schwimmern. Ich brauche sowieso eine Weile, bis ich meinen Atemrhythmus zum Kraulen finde, deshalb beginne ich mit Brustschwimmen. So habe ich einen guten Überblick und bin erleichtert, weil ich selbst in diesem Schwimmstil an einigen vorbeiziehe. Natürlich werde ich auch überholt, aber jetzt bin ich schon sicher: Ich komme an und werde nicht Letzte!
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Den Hubschrauber höre ich öfter über mir knattern. Delfine, von denen andere später erzählen, sehe ich leider nicht.
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Allmählich zieht sich das Feld auseinander. Das Wasser ist ruhig, es gibt kaum Wellen an diesem Tag. Der Salzgehalt stört mich nicht. Hin und wieder sehe ich eine kleine Qualle, in Berührung komme ich nur einmal mit einem Stück Holz oder was immer da gerade an mir vorbeitreibt.
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Der größte Teil der Strecke liegt noch vor uns. Was für eine fantastische Route.
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Jetzt gibt es viel Platz und das Kraulen macht richtig Spaß. Ich bin verblüfft, wie schnell die Strömung die Gebäude an den Ufern vorbeifliegen lässt. Ich würde am liebsten in der Mitte des Bosporus weiterschwimmen bis Sarayburnu.
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Gerade als ich merke, dass mir etwas kühler wird, bin ich auf Höhe der Militärschule und es wird höchste Zeit, den Kurs zu ändern. Eins der Begleitboote düst in einem Bogen vor mir vorbei und signalisiert mir damit ebenfalls, dass ich mich zu dicht an der asiatischen Seite befinde. Schnell wird mir wieder warm, denn ich schwimme und schwimme – aber nur die Brücke kommt im Eiltempo näher. Das Ziel mit den weißen Zelten bleibt verdächtig weit entfernt. Quer zur Strömung komme ich immer mehr ins Schwitzen und verlege mich immer öfter wieder aufs Brustschwimmen, um mich besser orientieren zu können.
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Wer dicht unter dem europäischen Ufer schwimmt, ist auch nicht besser dran. In der Gegenströmung kommt man kaum vom Fleck. Die letzten Meter ziehen sich lang und länger.
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Geschafft! Nun nur noch kapieren, dass der Zeitchip auf den Bodenbelag gedrückt werden soll, und dann an Land kommen. Gar nicht so einfach, weil mein Bein keinen Halt findet. Wie ein Mehlsack werde ich von helfenden Händen aus dem Wasser gezogen. Andere helfende Hände reichen ein Handtuch und eine Wasserflasche.
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Einige haben die Kurve zum Ziel nicht mehr bekommen, höre ich, andere gaben zwischendurch auf.
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Der Blick auf die Ergebnistafel: Ich bin 8. meiner Altersgruppe, liege insgesamt im Mittelfeld und bin absolut zufrieden mit mir und der Welt.
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Das war ein großartiges Erlebnis. Vielen Dank den Organisatoren dieses Schwimmereignisses und den vielen Helfern! Gerne bin ich irgendwann wieder dabei, dann vielleicht mit familiärer Schwimmbegleitung.

Istanbul ist übrigens Europäische Sporthauptstadt 2012. Da wird sich doch eine neue sportliche Herausforderung finden lassen. Ich habe schon etwas ins Auge gefasst ...

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