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Bei der nächsten Maus sagen wir “Ja!”

Samstag, 17. Dezember 2005

Die Dorfkinder von heute sind nicht mehr das, was sie mal waren. Auch der idealistischsten aller Mütter wurde das spätestens an dem Tag klar, als ihr Sohn am Frühstückstisch der türkischen Oma am Marmarameer maulte: „Ich will die Milch aus der Tüte, nicht die von der Kuh!“

Nun ist die letzte Milchkuh vor ein paar Jahren sang- und klanglos aus unserem Dorf verschwunden. Frische Milch gibt es höchstens noch in den Ferien — sofern man in eine Gegend reist, in der der letzte bäuerliche Betrieb noch nicht kapituliert hat. Immerhin weiß das tierliebe Kind, dass die natürliche Farbe der Kühe nicht lila ist. Das zeugt nicht nur von einer gewissen Realitätsnähe, sondern auch von einer überaus hartnäckigen Tierliebe, die nach der Abneigung gegen frische Kuhmilch die unwissenden Eltern völlig unvermittelt treffen sollte.

Dorfkinder unterscheiden sich von Stadtkindern heutzutage höchstens dadurch, dass letztere beim Wort „Maus“ vornehmlich an die Maus denken, mit deren Hilfe sie den Cursor über den Computerbildschirm flitzen lassen können. Käse und Speck mopsende Mäuse in Speisekammern der Städte kommen ihnen nicht in den Sinn, obwohl diese realen Mäuse nicht aufhören, altertümliche Kinderbücher zu bevölkern. Vielleicht haben die Stadtbewohner einfach nicht mehr genügend Speisekammern? Auch wenn die Bauern und die Milchkühe weitgehend verschwunden sind: Höchst lebendige Feld- und Spitzmäuse gehören heute noch zum täglichen Leben auf dem Land.

Bei uns liegen die Felder direkt vor dem Gartenzaun, und so regelmäßig, wie im Herbst das Getreide geschnitten wird, suchen sich die aufgescheuchten Mäuse ein gemütliches Winterquartier, vorzugsweise in unserem Haus.

Das geht nicht immer reibungslos vonstatten. Verstorbene Mäuse in Lichtschächten vor Kellerfenstern sind nicht gerade ein erheiternder Anblick. Es empfiehlt sich deshalb, den Mäusen eine Leiter anzubieten. Ein Brett, auf dem sie aus dem Lichtschacht wieder hochklettern können, löst das Problem auf elegante Weise und ermöglicht es vielen Exemplaren der Gattung Maus, bis an ihr endgültiges Ziel vorzudringen: das kuschelige Dämmmaterial in den Hohlräumen unseres Fertighauses.

Fallen, an den kritischen Punkten aufgestellt, um die Mäuseinvasion zu stoppen, rufen heftigen Protest des tierschützenden Kindes hervor. Auch die Frau des Hauses ist nicht gerade begeistert davon, zerquetschte Mäuse aus der Falle zu klauben und zu entsorgen. Zumal der wachsame Sohn unweigerlich die drängende Frage aufwirft: profane Entsorgung in der Mülltonne oder würdevolles Begräbnis? Zum Glück gibt es fürs Grobe noch den Mann des Hauses. Der könnte sich zwar auch eine andere Feierabendbeschäftigung vorstellen als die Beseitigung toter Mäuse, stellt sich dieser Aufgabe aber heldenhaft.

Dem empfindsamen Kindergemüt zuliebe werden schließlich Lebendfallen erprobt. Das Ergebnis ist unbefriedigend, denn was macht man mit einer gefangenen lebendigen Maus? Dem Kind zuliebe ins Feld entlassen, damit sie von neuem einen Weg ins Haus finden kann?

Am allerliebsten würde der Sohn natürlich die Mäuse direkt als Haustiere halten. Seine verständnislose Mutter zeigt wenig Begeisterung. Überhaupt läuft die Haustierdiskussion ständig ins Leere. Denn die Katze, die die Frau des Hauses zur eleganten Lösung des Mäuseproblems befürworten würde, ruft beim Herrn des Hauses beim bloßen Gedanken allergischen Juckreiz hervor. Vögel dagegen, die der Vater akzeptieren würde, will die Mutter auf keinen Fall ins Haus lassen. Hinweise auf sowieso vorhandene Haustiere wie Insekten und Spinnen werden vom beleidigten Kind abgeschmettert.

Während eine Lösung des Haustierproblems noch aussteht, treibt die unbefriedigte Tierliebe des Kindes seltsame Blüten. Unter wagemutigem Einsatz ihrer bis dahin trockenen Schuhe fischt die deutsche Oma im Frühjahr einen Haufen Froschlaich aus einem Teich. Die Eier reisen in einem großen Glas mit Wohnmobil, Eltern und drei Kindern quer durch die Alpen und entwickeln sich zu properen Kaulquappen, 57 an der Zahl. Die Reise bekommt ihnen offensichtlich gut. Dagegen gefällt ihnen der im heimischen Garten angelegte Teich überhaupt nicht, denn sie gehen der Reihe nach ein.

Der Kaulquappenzüchter erträgt es mit stoischer Fassung. Erleichtert wird ihm diese Bürde, weil ihm kurz darauf ein paar ältere Mädchen eine Babymaus präsentieren, die sie in einem Pferdestall gefunden haben und ins Feld entlassen wollen. Nur der Überzeugungskraft der Mädchen, der elterlichen weit überlegen, ist es zu verdanken, dass das Kind die Maus nicht auf der Stelle adoptiert. Ebenfalls erleichternd kommt hinzu, dass sich die Szene nicht im heimatlichen Dorf, sondern bei einem Familientreffen im Schwarzwald abspielt, mehrere hundert Kilometer von zu Hause entfernt.

So verschwindet das Mäuslein zwar so schnell aus dem Blickfeld des Kindes, wie es aufgetaucht ist. In seiner Gedankenwelt nistet es sich dagegen behaglich ein. Ein paar Tage später, als die desinteressierte Mutter die Maus längst wieder vergessen hat, baut sich der Sohn in der ganzen Größe seiner sieben Jahre vor ihr auf, um im Brustton der Überzeugung zu verkünden: „Bei der nächsten Maus sagen wir ja!“ Die Mutter schweigt weise.

Das Unvermeidliche tritt wenige Wochen später ein. Das eifrige Kind klingelt Sturm und bettelt seine ahnungslose Mutter an: „Mami, hast du noch ein Babyfläschchen? Wir brauchen dringend ein Babyfläschchen!“

Erst allmählich lässt sich der schicksalhafte Lauf der Dinge rekonstruieren: Nachbarskinder haben eine verwaiste Babymaus entdeckt, deren restliche Familie mutmaßlich einem Mähdrescher zum Opfer gefallen ist. Diese zweite Chance kann sich das tierliebende Kind auf keinen Fall entgehen lassen: Die arme, verlassene Babymaus muss mit dem Fläschchen aufgepäppelt werden. Aber dem kleinen Mäuslein ist kein langes Leben vergönnt. Sei es nun, weil die herzlose Mutter kein Babyfläschchen hat, sei es der Kummer um sein Waisendasein: Das Mäuslein verscheidet innerhalb kurzer Zeit und erhält ein ehrenvolles Begräbnis.

Der Tierwunsch des Kindes schwindet damit nicht, im Gegenteil. Wie das Kind selbst wächst er immer mehr in die Höhe. Auch Hinweise auf die Milbenallergie des großen Bruders und die wenig einfühlsamen Umgangsformen des Bruders im Kleinkindalter retten die hilflosen Eltern bald nicht mehr.

Besuchen Sie doch einmal unser Dorf. Sie werden unser Haus ohne Schwierigkeiten finden. Seine menschlichen Bewohner werden allmählich verdrängt von Meerschweinchen, Kaninchen, Schildkröten und Hamstern. Gegenüber gibt es Katzen, die liebend gern schon jetzt durch unseren Garten streifen. Zur Rechten und zur Linken leben Hunde. Es wird nicht mehr lange dauern, bis sie den Zaun überwinden. Pferde würden auch noch prima dazu passen, sagt das Kind, das nun ein Teenager ist.