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Geheimnis um die verschwundenen Socken
(1998)
Aus der Reihe „Unheimliche Vorkommnisse im trauten Heim“
Wenn Sie zu den Menschen gehören, bei denen kein Krümelchen auf dem Boden zu finden ist und keine Staubfluse in einer Ecke, wenn Ihre Wäsche millimetergenau ausgerichtet im Schrank gestapelt ist und Ihre Fenster keinen einzigen Streifen aufweisen, dann lesen Sie bitte nicht weiter. Das Folgende könnte Ihr geordnetes Weltbild zu sehr ins Wanken bringen.
Ein paar Jahre sind schon ins Land gezogen, seit die erste Socke in unserem Haushalt spurlos verschwand. Zunächst schenkte ich diesem Umstand keine größere Beachtung, war ich doch der festen Überzeugung, das abhanden gekommene Objekt würde bei der nächsten Wäsche ebenso plötzlich wieder auftauchen, wie es verschwunden war.
Seit aber meine Kinder Enid Blyton lesen, mit Vorliebe Bücher aus der Reihe „Geheimnis um ...“, weiß ich, dass es sich um ein ernsthaftes Problem handelt, das der dringenden Lösung harrt. Leider haben die Kinder den Ernst der Lage noch nicht im gleichen Maß erfasst wie ich. Vergeblich hoffte ich auf ihren unfehlbaren detektivischen Spürsinn. Das Phänomen der verschwundenen Socken wird indessen drängender.
Zunächst fängt es ganz harmlos an. Die Schmutzwäsche wandert in den Wäschekorb, die Waschfrau, also ich, befördert die schmutzige Wäsche in die Waschmaschine. Ist der Waschvorgang beendet, öffne ich frohgemut die Waschmaschine, nehme die nun porentief reine (oder so ähnlich) Wäsche heraus und hänge sie auf. Hierbei keimt der erste Verdacht, dass etwas nicht stimmt. Und spätestens beim Zusammenlegen der trockenen Wäsche erhärtet sich die vage Vermutung zur grausamen Gewißheit: Eine Socke fehlt.
Fieberhaft wälze ich die Gebrauchsanleitung unserer Waschmaschine. Es handelt sich um ein bekanntes, als zuverlässig geltendes Markenfabrikat, dem ich keine Schlechtigkeit zutraue. Aber es könnte ja sein, dass ich zwischen meinen Wäschebergen die technische Entwicklung der letzten Jahre verpasst habe. Zwar benötigen Waschmaschinen inzwischen weniger elektrischen Strom und Wasser als in vergangenen Zeiten, vielleicht sind aber im Gegenzug zusätzliche Energieschübe nötig, etwa durch die Umwandlung einzelner Socken in Futter für die Maschine? Trotz intensiven Lesens finde ich in der Gebrauchsanweisung keinen einzigen diesbezüglichen Hinweis.
Es sei nicht verschwiegen, dass mitunter vermisste Socken wieder auftauchen. Manchmal lohnt es sich, in den Kinderzimmern zu suchen. Beim Durchwühlen einer Spielzeugkiste tauchte erst neulich ein längst vermisstes Exemplar wieder auf. Unglücklicherweise hatte ich seinen Zwillingsbruder in der Zwischenzeit entsorgt, um ihm das freudlose Leben eines Waisenstrumpfs zu ersparen. Ein anderes Mal war die Renovierung des Zimmers erforderlich. Sie förderte einen lange Zeit spurlos verschwundenen Strumpf auf der hintersten Ecke des Kleiderschranks zutage.
Dies sind jedoch nur vereinzelte Erfolgsmeldungen. In den meisten Fällen taucht der vermisste Strumpf nicht wieder auf, und eine komplette Zimmerrenovierung für jede verschwundene Socke ist auf die Dauer etwas zu aufwendig.
Als ich schließlich mit lauter einzelnen Strümpfen dastand, sah ich mich gezwungen, andere Spuren verfolgen. Obwohl es sich offenbar um ein Bermudadreieck bisher unbekannten Ausmaßes handelt, weigert sich die wissenschaftliche Literatur meinen Recherchen zufolge beharrlich, diesen häuslichen Abgründen nachzugehen. Private Umfragen brachten dagegen aufschlussreiche Erkenntnisse. So stellt es sich heraus, dass Sockensucher überwiegend weiblichen Geschlechts sind. Den meisten ist das Geheimnis um die verschwundenen Socken bekannt, allerdings spricht niemand gerne darüber. Während noch kaum jemand nach den Ursachen dieser Erscheinung gefragt hat, sind in der Einsamkeit der Waschküche bereits Lösungsansätze entwickelt worden. Es bietet sich zum Beispiel an, die Socken vor der Wäsche paarweise zu bündeln.
Für den normalen Haushalt mag das die Lösung sein. Auch ich war kurz davor, auf diese Methode zurückzugreifen, um den Sockenschwund ein für allemal zu beenden. Bis ich neulich mit meinen Kindern im Schwimmbad war. Beim Ausziehen in der Umkleidekabine trug ich ordnungsgemäß an jedem Fuß einen Strumpf, da bin ich mir vollkommen sicher. Als ich nach dem Schwimmen wieder die Straßenkleidung anzog, war und blieb ein Strumpf spurlos verschwunden. Ein Schauder überlief mich, und bis heute wagte ich nicht, dieses Geheimnis irgendjemandem anzuvertrauen. Sachdienliche Hinweise, die zur Aufklärung führen können, nimmt keine Polizeidienststelle entgegen.
Kommentare: (per RSS abonnieren)
Ich kann zwar keine Hinweise geben wie es dazu kommt, dass Socken verschwinden, bekam aber vor einiger Zeit einen Hinweis, zu was sie werden, sind sie einmal fort:
Zu klammen Taschentuch-Schnipseln.
Zitat Hinweisgeber:
“Bei den Taschentüchern in der Waschmaschine kann es sich eigentlich nur um Wiedergeburten handeln - und zwar von all den verlorenen Socken, die auf dem Umweg über die Waschmaschine in ein zeitlich und räumlich weit entferntes Paralleluniversum entschwunden sind und nun zurück kehren, weil sie Heimweh nach unserer (Waschmaschinen-)Erde haben.”
serotonic am 04. Januar 2006
Hört sich plausibel an. ;-)
Man müsste mal alle Theorien sammeln, das ergäbe bestimmt ein dickes Buch. Das Internet ist sicher eine ergiebige Quelle dafür (mein Text stammt noch aus vorsintflutlichen Vor-Internetzeiten).
Ines Balcik am 05. Januar 2006
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