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Ein Elefant im Mittelmeer

Dienstag, 24. Januar 2006

Segelerlebnisse an der türkischen Südküste

„Guckt mal, was ich mitgebracht habe“, begrüßte Hakan die Kinder und mich, als wir ihm erwartungsfroh die Tür öffneten.
Klein-Elif war es ziemlich egal, was der Papa da sagte, ihr reichte der Anblick des Ankömmlings zu einem strahlenden Lächeln. Metin mit aller Wichtigkeit seiner drei Jahre erwartete aber nach dieser ermutigend klingenden Einleitung ein Spielzeug oder sonst irgendetwas, woran ein Kinderherz sich freuen kann.
Umso enttäuschter wurde seine Miene, als der Papa einen Stapel Zeitungen und Zeitschriften schwungvoll auf den Tisch gleiten ließ.

Was mich betraf, so hätte ich nun einen Bericht über Hakans Dienstreise nach Deutschland erwartet. Stattdessen verkündete er mir freudestrahlend, die Kinder nicht weiter zur Kenntnis nehmend: „Guck mal, was ich gefunden habe!“, und deutete mit einer weiten Armbewegung auf den Papierstapel.
Elif fing an zu weinen, weil niemand sie beachtete, Metin zerrte an mir herum, um seinen Protest gegen diese unpassenden Mitbringsel zum Ausdruck zu bringen, und ich starrte Hakan nur verständnislos an.

„Na, das ist unser Segelschiff, ich muss gleich mal telefonieren.“ Diese Bemerkungen ließen meinen Gesichtsausdruck nicht intelligenter wirken, denn ich sah beim besten Willen kein Segelschiff, sondern nur Papier auf einem Tisch. Doch, bei genauerem Hinsehen konnte ich ein Segelschiff erkennen, genau genommen sogar mehrere, denn es handelte sich bei dem Papierstapel offensichtlich um Segelzeitschriften. Was das mit uns zu tun haben sollte, entging mir allerdings völlig, denn weder besaßen wir ein Segelschiff noch hatte je einer von uns den Wunsch geäußert, eins besitzen zu wollen.

Offensichtlich hatte ich wieder einmal etwas verpasst. Für Hakan war der Kauf eines Segelschiffs bereits beschlossene Sache, wie ich ihm zwischen den Versuchen, Elif am Zerreißen der Zeitschriften zu hindern und den aufgebrachten Metin zu beruhigen, allmählich entlocken konnte.

Nicht, dass ich grundsätzlich etwas gegen Segeln einzuwenden gehabt hätte. Segeln hatte mir schon seit Jahren sehr viel Spaß gemacht. Dass es einen kleinen Unterschied macht, ob man mit einer Studentencrew auf holländischen Kanälen segelt oder mit zwei Kleinkindern im stellenweise zweitausend Meter tiefen Mittelmeer, diesen kleinkarierten Einwand überging Hakan großzügig. Mich nörglerische Zweiflerin hatte er damit aber noch nicht zum Schweigen gebracht.

„Warum müssen wir ein Segelschiff kaufen, wenn wir einmal segeln wollen?“, wollte ich wissen. Schließlich ist es nicht so, dass man in der Türkei keine Jachten chartern könnte. Ach, ich hätte Hakan gut genug kennen müssen um zu wissen, dass er nun erst recht auf dem Kauf eines Segelschiffs bestehen würde.
All meine Einwände fegte Hakan folglich lässig vom Tisch (die Zeitschriften blieben darauf liegen). Wie konnte ich nur der Meinung sein, es gebe bei unserem recht beschränkten Budget wichtigere Dinge als den Kauf einer Segeljacht? Angesichts unserer spärlich möblierten Wohnung und unseres fünfzehn Jahre alten Autos kamen mir persönlich beim Thema Geldausgeben spontan eine Menge Ideen. Und das, obwohl ich nicht für überschäumende Fantasie bekannt bin.

Aber meine Familie hatte mich schließlich schon immer hingebungsvoll gewarnt. Nun wurde es auch mir klar: Mediterrane Lebenslust und langweiliger preußischer Ordnungssinn prallten soeben in unserem Wohnzimmer in Antalya unversöhnlich aufeinander.
„Muss man wirklich eine Kuh kaufen, um Milch trinken zu können? Das ist doch völlig unvernünftig“, versuchte ich Hakans Begeisterung noch mit einem letzten Einwand zu dämpfen. Mein Ziel erreichte ich nicht. Hakan war schon völlig in seinem Wunschtraum aufgegangen.
„Wir haben nicht viel Geld, aber jetzt sind wir jung und haben das Meer vor der Haustür. Sollen wir etwa warten, bis wir zwar mehr Geld haben, aber nichts mehr mit einem Segelschiff anfangen können, weil wir alt und gebrechlich sind?“, ereiferte er sich.

Um ehrlich zu sein, begann ich mich mit dem Gedanken an ein eigenes Segelschiff langsam anzufreunden. Schon bald hatte ich jedenfalls Hakans begeistertem Redefluss nichts mehr entgegenzusetzen. Vielleicht wollte ich es auch gar nicht. Bekanntlich gibt die Klügere sowieso nach. Außerdem musste ich Windeln wechseln und Wäsche waschen.

So nahm das Schicksal schließlich seinen Lauf. Das Jahr war noch jung. In den nächsten Monaten begutachteten wir Schiffe in deutschen und türkischen Jachthäfen und studierten Testberichte und Zeitungsanzeigen. Hakan und ich entwickelten uns zu wahren Experten in Sachen Gebrauchtboote. Elif vergnügte sich derweil mit dem Zerreißen allen Papiers, dessen sie habhaft werden konnte, Metin verzierte die Zeitschriften mit fantasievollen Schnörkeln.

Den nächsten Besuch in Deutschland verbrachten wir folgerichtig damit, Schiffe anzugucken. Das war ziemlich entmutigend, denn entweder lagen die Schifflein im Bereich unserer finanziellen Möglichkeiten, waren aber für mehrtägige Törns mit einer mehrköpfigen Familie denkbar ungeeignet, weil viel zu klein, oder aber sie waren hervorragend fürs Mittelmeer geeignet, nur leider viel zu teuer.
Elif und Metin trugen die Besichtigungsfahrten mit Fassung. Ich hatte zwar den Verdacht, dass Segelschiffe ihnen ziemlich gleichgültig waren. Aber sie hatten beide Eltern um sich und damit immer jemanden, der sich mit ihnen beschäftigte. Das genügte ihnen anscheinend zum Glück – vorausgesetzt, wir hatten auch genügend Ess- und Trinkvorräte dabei.

Einen Schiffstyp entdeckten wir, der sowohl vom Platzangebot als auch von der Seetüchtigkeit her attraktiv war. Aber sogar Hakan schluckte angesichts des Preises ein bisschen. Also reisten wir erst einmal ohne Segelschiff in die Türkei zurück.

Inzwischen war es März geworden, die Temperaturen in Antalya bewegten sich tagsüber bereits um angenehme zwanzig Grad. Hakan ging nun zur nächsten Phase seines Schlachtplans über. Er telefonierte noch eifriger, ließ sich noch mehr Informationsmaterial schicken, plante, rechnete, überlegte.
Als wieder ein Wochenende gekommen war, statteten wir einmal mehr dem Jachthafen in Kemer einen Besuch ab. Hakan verhandelte eifrig mit dem Direktor über den zukünftigen Liegeplatz eines noch gar nicht vorhandenen Schiffs.

Halil Bey, der Direktor, war, um es milde auszudrücken, leicht irritiert. Als höflicher Mensch hörte er sich Hakans Ausführungen jedoch geduldig an, während unsere beiden hoffnungsvollen Sprösslinge eifrig damit beschäftigt waren, die Akten im Büro neu zu sortieren. Bei aller professionellen Zurückhaltung war es Halil Bey anzumerken, dass er nicht daran glaubte, Hakan je mit einem eigenen Schiff in Kemer auftauchen zu sehen.

Da kannte er Hakan aber schlecht. Dessen Optimismus war ungetrübt von solch kleinlichen Zweifeln. Hakan nahm unverdrossen sein Anzeigenstudium wieder auf. Und siehe da: Endlich waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt. In der wer weiß wievielten Zeitschrift entdeckte er eine Anzeige des gewünschten Schiffstyps zu vernünftigen Bedingungen.
Erwähnte ich schon, dass ich immer etwas auszusetzen habe? Mir gab es jedenfalls sehr zu denken, dass der Name des Schiffstyps ausgerechnet „Hai“ lautete.

Hakans Eifer dagegen war neu entfacht, er telefonierte sofort mit den Besitzern in Deutschland. Alles ließ sich gut an, die Auskünfte der Familie Schmitt waren ermutigend, die Fotos, die sie uns wenige Tage später schickten, sahen sehr viel versprechend aus.
Wenn da nur nicht ein klitzekleiner Haken gewesen wäre: Die Jacht lag weder in Deutschland noch in der Türkei. Ihr Liegeplatz war in Italien, nicht weit von Venedig.



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